Ehrenamtliche Deutschkurse in Reutlingen

Von rechts: Ingrid Estiry, Hosam Anadini – Fotos: Ana Sauter

Ich, Hosam Anadini, bin als Flüchtling aus Syrien im August 2015 nach Deutschland gekommen und seit Januar 2016 in Reutlingen. Da die erste wichtige Hürde die Sprache ist, wollte ich schnell einen Deutschkurs besuchen. Dabei musste ich feststellen, dass Deutsch sehr schwer ist und ich neben dem Integrationskurs weitere Unterstützung suchte. Man empfahl mir, in die von Ehrenamtlichen geführten Kurse zu gehen, da ich dort individuellere Hilfe bekommen könnte.
So kam ich in den von Frau Ingrid Estiry geführten Deutschkurs, der immer dienstags parallel zum Asylcafé im Ringelbach stattfindet.
Frau Estiry ist gelernte Fremdsprachensekretärin und bietet seit August 2014 Deutschkurse im Asylcafé Ringelbach und seit Juni 2015 im Asylcafé Allensteiner Straße an.

Wie alles anfing

Als es sich im Frühjahr 2014 abzeichnete, dass ab Sommer eine größere Anzahl an Flüchtlingen nach Reutlingen kommen würden, wurde ein neues Asylcafé in den Gebäuden von ridaf gegründet, welches in der Nähe zu der neuen Flüchtlingsunterkunft in der Ypernkaserne liegt.

Frau Estiry wollte sich im Asylcafé in der Ringelbachstraße engagieren, hatte aber noch keine konkrete Vorstellung, was sie genau dort machen könnte. Am ersten Tag, als die ersten Flüchtlinge kamen, kam sie mit einem Gambier in Kontakt, der sie fragte, wo er Deutsch lernen könne. Sie meinte, dass sie hier im Asylcafé etwas aufbauen möchte, aber noch nichts Konkretes geplant sei. Als eine Woche später das zweite Asylcafé stattfand, wurde sie wieder von ihm angesprochen, wo jetzt der Deutschkurs stattfinden würde. So ging sie ganz spontan mit den interessierten Flüchtlingen in den angrenzenden Seminarraum und begann mit dem Unterricht. Daraus hat sich das weiterentwickelt. Von Woche zu Woche kamen mehr Flüchtlinge in den Kurs, so dass es bald erforderlich war, zwei Kurse anzubieten. Anfangs waren es vom Niveau her zwei identische Kurse; nach etwa einem Jahr wurden sie in einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenenkurs aufgeteilt.
Die Kurse dauern immer eine Stunde, wobei sich das Niveau der Kurse nach den Flüchtlingen richtet, die an den Kursen teilnehmen.

Tutorensystem

Durch die sehr hohe Anzahl der Teilnehmer (in Spitzenzeiten 30 bis 40 Schüler pro Kurs) kam Frau Estiry auf die Idee, ihren Kurs mit einer Art Tutorensystem weiterzuführen, da es für sie allein nicht mehr zu bewältigen war. Der Unterricht gestaltet sich folgendermaßen: Frau Estiry macht anfangs eine kleine Wiederholung des in der vergangenen Woche durchgenommenen Stoffes, danach führt sie ein weiteres Thema ein, welches dann in Kleingruppen mit den Tutoren anhand von Übungen vertieft wird. Anfangs halfen einige Ehrenamtliche aus dem Café mit, dann sprach sich das herum und es meldeten sich weitere Menschen, die sich engagieren wollten. Zeitweise hatte sie ausreichend Helfer, so dass sogar eine 1:2 oder 1:3 Betreuung in den Übungen möglich war.
Nach einiger Zeit machte sich jedoch leider eine Ernüchterung breit und viele Helfer sprangen ab oder kamen sehr unregelmäßig.

Anfangs wurde in den Niveaus A0 und A1 unterrichtet, da die Flüchtlinge noch kein Deutsch konnten.
Im Anfängerkurs wird mittlerweile A1 bis A2 Niveau unterrichtet und im Fortgeschrittenenkurs werden Niveaus von B1 bis sogar C1 unterrichtet.
Da die Kurse nur auf Ehrenamtsbasis gehalten werden, kann man in diesen Kursen keine anerkannte Prüfung machen. Man kann sich jedoch in den Kursen auf externe Prüfungen vorbereiten. Die Kurse in den Asylcafés können unterstützend zu den offiziellen Kursen genutzt werden und stehen natürlich denjenigen, die keine offiziellen Kurse bisher besuchen können oder dürfen, offen. Da sie komplett kostenlos und freiwillig sind, kann jeder, der sein Deutsch verbessern möchte, teilnehmen. Man muss sich für die Kurse nicht anmelden oder abmelden. Man kann einfach kommen und mitmachen.

Ähnliche Kurse finden noch an anderen Tagen in den Asylcafés im Ringelbach, Betzingen (14tägig), Allensteiner Straße und in Metzger Straße statt (siehe auch auf der Website von asyl-rt.de).

Die größten Schwierigkeiten

Die größten Schwierigkeiten, die Frau Estiry mit den Deutschkursen hat, sind die unterschiedlichen Niveaus. Im Anfängerkurs stoßen immer wieder neue Flüchtlinge dazu, so dass in einem Kurs Schüler von Niveau A0 bis A2 zusammen unterrichtet werden müssen. Sofern genügend Helfer da sind, kann das aber gut bewältigt werden.
Eine weitere Schwierigkeit ist die Unpünktlichkeit. Der Kurs beginnt um 17:00 Uhr und die ersten kommen pünktlich, manche aber erst 10 oder 20 Minuten nach Beginn, so ist ein gemeinsamer Anfang kaum möglich und man muss immer wieder von Neuem anfangen.

Da es kein verpflichtender Kurs ist, ist die Anzahl der Flüchtlinge, die in die Kurse kommen, sehr schwankend. Daher wäre es sehr hilfreich, wenn in den Kursen ein Kopiergerät vorhanden wäre. Frau Estiry macht jede Woche eine große Anzahl von Kopien, da sie nicht abschätzen kann, wie viele Teilnehmer kommen. Um nicht zu wenig Kopien zu haben, sind schon viele überschüssige Kopien gemacht worden. Das könnte mit einem Kopierer vor Ort vermieden werden. Sie würde sich auch wünschen, dass die Teilnehmer sich an- bzw. abmelden würden, um etwas mehr Planungssicherheit zu haben. Auf der anderen Seite möchte sie aber den ungezwungenen Zugang zu ihren Kursen bewahren.

Alphabetisierungskurse

Ein Problem gibt es leider bei den Alphabetisierungskursen, die leider momentan in den Asylcafés nicht angeboten werden. In der Allensteinerstraße gab es eine sehr engagierte Gruppe von drei Frauen, die so einen Kurs angeboten haben. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass die Flüchtlinge, die das bräuchten, leider oft sehr unzuverlässig sind. Mal kommen sie, mal kommen sie nicht. Der Bedarf ist da und es ist schade, dass es an der Unzuverlässigkeit scheitert.

Individuelle Betreuung

Dadurch, dass die meisten Flüchtlinge offizielle Kurse bekommen, ist der Bedarf in Reutlingen recht gut abgedeckt. Allerdings sind die offiziellen Kurse oft nicht auf den einzelnen Flüchtling ausgerichtet und es sind auch zu viele Leute in einem Kurs. Eine individuelle Betreuung findet in den offiziellen Kursen nicht statt. Dafür sind die ehrenamtlichen Kurse in den Asylcafés eine gute Ergänzung bzw. Alternative. Dort kann man individuelle Betreuung bekommen.
Übersicht Asylcafés in Reutlingen: http://asyl-rt.de/stadt-rt/adressen-termine

Frau Estiry erzählte mir, dass die Kurse zwar auch viel Arbeit und Vorbereitung erfordern, die Wertschätzung, Freude und Dankbarkeit, die sie in den Kursen seitens der Teilnehmer zurückbekomme, aber mit nichts aufzuwiegen sei. Sie kann jedem Interessenten nur empfehlen, mal vorbeizukommen und reinzuschnuppern. Man lernt viel über neue Kulturen, was eine große Bereicherung darstellt.

Ich möchte hiermit im Namen aller mich bei Ingrid Estiry und allen anderen Ehrenamtlichen für ihr Engagement bedanken. Frau Estiry unterrichtet seit nun fast 4 Jahren fast ohne Pause jede Woche mit einer Begeisterung und Freude und hat uns unglaublich viel geholfen. Ich kann jedem nur ihre Kurse empfehlen.

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