Qualifiziert aber noch ohne Arbeit

Seit 2 Jahren in Deutschland auf der Arbeitssuche

Hashmatullah Seddiq, 38, ist ein qualifizierter Ingenieur, den ein ungerechtes Schicksal seiner Heimat entwurzelt hat. Aufgewachsen und ausgebildet in Afghanistan, sah er dort auch seine Zukunft. Aber es kam anders. Es kamen die Taliban und beraubten ihn aller Hoffnungen. Statt, wie er es vorhatte, in der Provinz Baghlan Zuckerrüben in Zucker zu verwandeln und sich als Ehemann und Familienvater um Frau und sechs Kinder zu kümmern, wartet Hashmatullah Seddiq in einer kleinen, wenn auch zweifellos hübschen Pliezhäuser Wohnung auf bessere Zeiten. Und die Familie wartet mit ihm. Wartet auf die entscheidende Antwort, auf die Zusage eines Unternehmens, einer Firma, eines Betriebs, auf den kleinen, ersehnten Hinweis: „Sie können bei uns anfangen.“

Seit Juni 2016 lebt Hashmatullah Seddiq in Deutschland. Ein Visum für ihn und seine Familie ermöglichte die Flucht aus Afghanistan. Der Chemietechnologe ist spezialisiert für die Herstellung von Zucker aus Zuckerrüben. Das Beste also, was ihm in Deutschland widerfahren könnte, wäre eine Tätigkeit in dieser oder einer nicht weit davon entfernten Branche. Auf längere Sicht ist das in Afghanistan nicht mehr möglich.
Immer näher rückten die Taliban in der Provinz Baghlan vor, bis sie vor der Zuckerfabrik standen, in der Seddiq arbeitete und seines Lebens nicht mehr sicher war. Die Taliban bringen Leute um, die mit Ausländern zusammenarbeiten. Dies genau hatte Seddiq getan. In der Zuckerfabrik waren zwei Deutsche beschäftigt.
Tatsächlich war Deutschland für Hashmatullah Seddiq kein fremdes Land. In den Jahren 2005 und 2006 hatte es der Chemietechnologe im Rahmen einer Weiterbildung kennengelernt. Während seines elfmonatigen Aufenthalts besuchte er verschiedene Städte. An der Technischen Universität Berlin vertiefte er seine Kenntnisse in Sachen Zuckertechnologie.

Weil er damals schon recht gut Deutsch sprach, ergatterte er einen Job als Übersetzer bei der Bundeswehr in Masar-e Scharif und konnte sich im Baubüro und in der Wehrverwaltung nützlich machen. Nach sechseinhalb Jahren endete dieser Dienst. Wieder hatte er mit Ausländern zusammengearbeitet. Eine Gefährdungsanzeige, die er nun stellte, wurde positiv beschieden und ein Visum für den dauerhaften Aufenthalt in Deutschland in Aussicht gestellt.
Mit Frau und Kindern wohnt in er Pliezhausen. Die Fenster der nicht üppig, aber geschmackvoll eingerichteten Wohnung lenken den Blick auf das herrliche Alb-Panorama. Schönste Aussichten also? Die wünscht sich Hashmatullah Seddiq für sein berufliches Fortkommen. Seine Qualifikation müsste doch gefragt sein, sagt er sich immer wieder. Aus seinem Können schöpft er die Zuversicht, dass eine seiner inzwischen über 40 Bewerbungen endlich einmal positiv beschieden werde.
Jedenfalls kann man ihm Geduld nicht absprechen. Sie ist Teil seiner Persönlichkeit geworden. Schon sein Name weist darauf hin. Hashmatullah bedeutet der Geduldige und Seddiq so viel wie zuverlässiger Freund. Eine viel versprechende Kombination.

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Seddiq (rechts) im Interview mit Steinhilber, Foto: Bangemann

Hashmatullah Seddiq weiß genau, was er kann und will das auch unter Beweis stellen. „Ich würde ja auch als einfacher Arbeiter antreten,“ betont er immer wieder, „dann könnte ich meine Qualifikationen endlich zeigen.“ Vorstellungsgespräche hat es schon gegeben, noch fehlt die Zusage eines Arbeitgebers.
Schon als Junge in Masar-e Scharif, als er seinem Vater, einem Elektriker, über die Schulter schaute und beim Arbeiten half, war er von dem Wunsch erfüllt, Ingenieur zu werden. Das ist ihm gelungen. Was er bei seinem Vater und in der Schule gelernt hatte, befähigte ihn zum Studium der Chemietechnologie, wofür er sich mit einer glänzenden Aufnahmeprüfung qualifiziert hatte.
Das Lernen hat er nicht verlernt. Nach wie vor liegt ihm, der sich in Wort und Schrift gut auskennt, ein noch besseres Deutsch am Herzen. Hashmatullah Seddiq will das Niveau von B2 auf C1 unbedingt verbessern.

Auch wenn die Suche nach einer Arbeitsstelle Vorrang hat, beschäftigt ihn auch die Idee, sich einmal in Deutschland einbürgern zu lassen. Indes erfüllt ihn der Gedanke an Afghanistan, wo Teile seiner Familie leben, mit großer Sorge. Die Sicherheitslage verschärfe sich immer mehr. „In Masar-e Scharif kann man nicht einmal mehr einen Spaziergang machen.“

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